Blade Runner (deutscher Verleihtitel zeitweise auch Der Blade Runner) ist ein 1982 erschienener US-amerikanischer Science-Fiction-Film des Regisseurs Ridley Scott. Literarische Vorlage ist der Roman Träumen Androiden von elektrischen Schafen? von Philip K. Dick. Der Film, der Elemente des Film noir übernimmt, war bei Kritik und Publikum zunächst kein großer Erfolg, wurde mit der Zeit aber zum Kultfilm. 1992 erschien ein überwiegend positiv aufgenommener Director’s Cut.
Bemerkenswert sind das einflussreiche visuelle Design, die
detailreiche Ausstattung und die Filmmusik. Überdies bieten einige
Themen des Films vielfältige philosophische Deutungsmöglichkeiten. Der
erste Hollywood-Film des Regisseurs Scott eröffnete das Genre des Cyberpunks für das Kino und machte den Autor Dick nach seinem Tod berühmt.
Handlung
Los Angeles
im November 2019: Der Stadtmoloch ist durchtränkt von Dauerregen. Die
Stadt ist schmutzig, überbevölkert und die Menschen sind
allgegenwärtiger Werbung ausgesetzt. Gesprochen wird „Cityspeak“, eine
Mischung aus Englisch, Chinesisch, Deutsch, Spanisch und weiteren
Sprachen. Die Tiere sind fast ausgestorben und nur als teure,
künstliche Wesen zu erhalten. Ein besseres Leben auf fernen Planeten
wird versprochen, Welten, die durch so genannte „Replikanten“
erschlossen worden sind. Da diese von der mächtigen Tyrell-Corporation
hergestellten Androiden
von Menschen äußerlich nicht mehr zu unterscheiden sind, jedoch über
weit größere Kräfte verfügen als normale Menschen und im Laufe der Zeit
eigene Gefühle und Ambitionen entwickeln, hat man ihnen eine Begrenzung
der Lebensdauer auf vier Jahre eingebaut. Erinnerungen an eine real
nicht existierende eigene Vergangenheit werden den Replikanten
einprogrammiert, wodurch ihre geistige Gesundheit sichergestellt werden
soll. Den Replikanten ist es unter Androhung der Todesstrafe
verboten, die Erde zu betreten. Für die Durchsetzung dieses Verbotes,
also das Aufspüren und die Exekution von Replikanten, die dennoch auf
die Erde gelangen, sind spezielle Polizeibeamte, die Blade Runner, verantwortlich.
Als einige Replikanten der hoch entwickelten Serie Nexus-6 ein
Shuttle kapern, Menschen töten und auf die Erde fliehen, wird Rick
Deckard, ein ehemaliger Blade Runner, eingeschaltet. Er soll die
Replikanten „aus dem Verkehr ziehen“ (im Original lautet der Euphemismus für die Hinrichtung „to retire“,
„in den Ruhestand versetzen“). Im Verlauf seiner Ermittlungen verliebt
er sich in die von der Tyrell-Corporation hergestellte Replikantin
Rachael und beginnt, an der Berechtigung seines Auftrags zu zweifeln.
Die Replikanten unter Führung von Roy Batty dringen in die
Tyrell-Corporation ein: Sie fordern Aufklärung über ihre Herkunft und
Lebensdauer. Als Roy erkennt, dass selbst sein „Schöpfer“ Tyrell sein
Leben nicht verlängern kann, tötet er ihn.
Nur mit Mühe kann Deckard zwei Replikanten erschießen, ein weiterer
wird von Rachael erschossen, die Deckard damit das Leben rettet. Als
letzter liefert Roy Deckard einen dramatischen Zweikampf. Roy gewinnt,
aber er rettet Deckard das Leben, ehe seine eigene Zeit abgelaufen ist
und er selbst stirbt. Am Schluss flieht Deckard mit Rachael. In der
Originalversion des Films gelingt ihnen die Flucht aus der Stadt, und
Rachael lebt. Im Director’s Cut bleibt offen, ob die Flucht gelingt und
ob Rachael eine längere Lebenszeit hat, und sogar die Frage, ob Deckard
selbst ein Replikant ist, wird aufgeworfen.
Filmanalyse
Visueller Stil
Die erste Einstellung des Films zeigt, nach dem Titel „Los Angeles,
November 2019“, eine bis an den Horizont reichende Riesenstadt, die von
Feuerstößen erleuchtet wird. Gegengeschnitten ist ein Auge in
Großaufnahme, in dem sich dieses Bild spiegelt. Diese von der Filmcrew
als „Hadeslandschaft“
bezeichnete Szenerie bestimmt den ganzen Film. In den Flugszenen wird
die Stadt als ein sich nach allen Seiten ausdehnender Moloch gezeigt,
dessen gigantische Wolkenkratzer nur von der aus zwei Pyramiden
gebildeten Zentrale der Tyrell Corporation überragt werden.
Regisseur Scott und Kameramann Cronenweth – der engagiert wurde,
weil er gegen Gewerkschaftsbestimmungen bereit war, in einigen Szenen
Scott die Kameraführung zu überlassen – arbeiten in vielen Einstellungen mit Lichteffekten. So werfen etwa die Pyramiden der Tyrell Corporation lichtdomartige Strahlen in den Himmel, die Scheinwerfer der über die Stadt kreisenden Werbetafeln wandern durch die Gebäude und sorgen für stroboskopartige Verfremdungen. Charaktere sind oft halb im Licht, halb im Schatten zu sehen. Weitere Stilmittel sind der Einsatz von Totalen,
in welchen die Charaktere meist am Rand des Bildes postiert sind, um
ihre Isolation zu zeigen, und eine von oben in die Szene fahrende
Kamera Die Tode aller Replikanten werden durch jeweils unterschiedliche filmische Mittel (Zeitlupe, Einsatz der Filmmusik, erhöhte Lautstärke, Steadicam) hervorgehoben und emotionalisiert.
Der Film besteht über weite Strecken aus langen Einstellungen, nur
in den Kämpfen zwischen Deckard und den Replikanten kommt durch mehr
Schnitte und schnelle Kamerabewegung Tempo auf. Im Endkampf zwischen
Deckard und Roy bewegen sich beide immer weiter aufwärts, bis sie sich
auf dem Dach des Gebäudes gegenüberstehen und schließlich die Rollen
von Jäger und Gejagtem tauschen, als Deckard über dem Abgrund hängt und
Roy ihn von oben beobachtet.
Besonders reich an Symbolik sind die Straßenszenen des Films. Hier
wird die untere Stadt als ethnisch und religiös gemischter Slum ohne
menschliche Nähe und Rücksichtnahme gezeigt. Die Szenerien sind gefüllt
mit hunderten Statisten, darunter Nonnen, Chassidim, Geschäftsleute, Hare Krishna-Jünger und Punks.
Vielen Rezensenten fiel der Reichtum an – vielfach unterhaltsamen, rein
beiläufigen – Details auf, der ein mehrmaliges Ansehen des Films
lohnend mache: zum Beispiel haben manche Leute beleuchtete
Regenschirme; der nur für Sekundenbruchteile zu sehende Hausmeister von
Leons Hotel trägt eine Gasmaske. Auch Bryants Büro, Deckards
Appartement und die Wohnung von J.F. Sebastian sind mit detailliert
ausgearbeiteten Kleinigkeiten gefüllt.
bekannte Grundkonstellation des einsamen Detektivs (Deckard), der sich in eine
Die Durchmischung von Versatzstücken verschiedener Kulturkreise und
Epochen setzt sich in der Architektur, in den Kostümen und in der
Ausstattung fort: Die aus dem Film noirfemme fatale
(Rachael) verliebt, wird durch Versatzstücke aus jenem Genre betont,
darunter Deckards Trenchcoat, Rachaels Kostüm und Frisur sowie, in der
Originalversion, die lakonischen Voice-overs Deckards, der als
typischer Antiheld
voller Selbstzweifel ist. Roy trägt eine schwarze Lederjacke und wirkt
mit hellblonden Haaren, blauen Augen und muskulösem Körper wie der
Prototyp eines nationalsozialistischen „Herrenmenschen“. Die Wohnungen Deckards und Sebastians ebenso wie Tyrells Büro erinnern an die Loftwohnungen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die äußere Architektur zeigt aber auch Anleihen an Jugendstil und Art Déco. Sebastian wohnt im Bradbury Building, Deckard im von Frank Lloyd Wright entworfenen Ennis-Haus. Für die Inneneinrichtung von Deckards Wohnung ließ sich Designer Syd Mead
von einem Buch der frühen 1980er über futuristische Wohnungen
inspirieren. Die Polizeizentrale wird von außen in einer Trickaufnahme
als dunkler Wolkenkratzer gezeigt, das Innere wurde in der – wieder mit
Licht- und Raucheffekten verfremdeten – Los Angeles Union Station
gedreht. Scott und Mead wollten eine Stadt zeigen, in der alte Gebäude
nicht abgerissen, sondern mit neuer Technik versehen oder schließlich
in Neubauten integriert werden. Futuristische Elemente haben die
Vergangenheit nicht einfach ersetzt, sondern es ist ein „postmodernes“ Gemisch entstanden.
So konnte auch der Gegensatz zwischen den futuristischen Wolkenkratzern
in der Stadtansicht und den verfallenden Bauten am Boden erzeugt
werden, der wiederum einen inhaltlichen Gegensatz widerspiegelt: Wie in
Metropolis
wohnen die Mächtigen an der Spitze der Stadt, wo die Sonne wenigstens
durch den Smog zu sehen ist, während die Straßenschluchten als
riesiger, dunkler Slum gezeigt werden.
„Futuristische Visionen paaren sich in Blade Runner mit
Versatzstücken des Film Noir, die Verbindung von Endzeitphantasie mit
nostalgischer Rückschau auf Stilepochen und Modeerscheinungen
vergangener Jahrhunderte erinnert an Fritz Langs Metropolis [...] und verleiht dem Film sein charakteristisches Design“
Musik und Ton
Die Musik zum Film stammt von Vangelis, der zuvor mit der Musik zu Die Stunde des Siegers (Chariots of Fire) bekannt geworden war. Die Filmmusik verbindet klassische Komposition mit dem futuristischen Klang von Synthesizern,
auf denen sie von Vangelis eingespielt wurde; ein Titel stammte aus
einem früheren Album des Künstlers. Sie trägt stark zur
melancholisch-düsteren Atmosphäre des Films bei und wurde von vielen
Kritikern gelobt. Vangelis wurde für seine Arbeit 1983 für den BAFTA Award und den Golden Globe nominiert. Auch für seinen späteren Film 1492 – Die Eroberung des Paradieses engagierte Regisseur Scott Vangelis als Komponisten.
Die Musik nimmt grundsätzlich die Themen der Nostalgie und der
Durchmischung verschiedener Epochen und Kulturen auf. In Anlehnung an
den Film noir sind etwa blues- und jazzartige
Saxophon- und Trompetensoli zu hören. An anderen Stellen des Films
läuft Synthesizermusik, die Anfang der 1980er noch deutlich
futuristischer und Science-Fiction-typischer war als heute. Aus einer
der Werbetafeln erklingt japanische Biwa-Musik.
Besondere Bedeutung hat die Musik in Szenen mit wenig Dialog, so etwa
in den fast wortlosen romantischen Szenen zwischen Deckard und Rachael
– die selbst eine kurze Chopin-Variation
am Klavier spielt –, beim Kampf zwischen Deckard und Roy oder bei der
Hinrichtung der Replikantin Zhora. Auch die Eröffnungssequenz mit dem
Blick über die Stadt und der Sterbemonolog Roys werden von der Musik in
ihrer Wirkung deutlich verstärkt. Einige musikalische Leitmotive
ziehen sich durch den Film. Es ist auch auf den oft auftretenden
Widerhall von Geräuscheffekten hingewiesen worden, der das hörbare
Äquivalent zur nebligen, paranoid-eingeschlossenen Atmosphäre des Films
darstelle.
Soundtrack
Ein Soundtrack-Album zu Blade Runner wurde 1982 in den
Endtiteln des Films angekündigt. Zunächst erschien jedoch nur eine
orchestrale Interpretation der Musikthemen des Films. Die bereits 1982
veröffentlichte LP wurde unter dem Titel: „Blade
Runner - Orchestral Adaptation Of Music Composed For The Motion Picture
By Vangelis - performed by The New American Orchestra“ herausgebracht. 1989 erschien die Vangelis Compilation „Themes“, auf der sich auch drei Themen aus dem Blade Runner
Soundtrack befinden. Der erste Originalsoundtrack erschien jedoch erst
1994. Er enthält größtenteils Musikstücke aus dem Film, teilweise
verlängert, sowie einige für den Film nicht genutzte Stücke. Zudem sind
an manchen Stellen Dialoge aus dem Film zu hören. Es sind jedoch bei
weitem nicht alle im Film zu hörende Musikstücke enthalten.
Themen
In Deutungen des Films ist auf eine Vielzahl von Themen und Motiven hingewiesen worden, die in Blade Runner eine Rolle spielen.
"Blade Runner embodies a number of the recurring themes in
Dick's writings: the restless paranoia of the characters, the
dismissive influence of a higher authority, the substitution of reality
by fakes and imitations, the self-perpetuating increase of garbage and
waste." [6]
(Übersetzung: „Blade Runner behandelt eine Reihe der in Dicks
Schriften wiederkehrenden Themen: die beständige Paranoia der
Charaktere, die verachtende Machtausübung höherer Autoritäten, die
Ersetzung der Wirklichkeit durch Fälschungen und Imitate, die sich
selbst verstärkende Zunahme von Abfall und Müll.“)
„Der Film, der auf der Handlungsebene einem eher einfachen und
klar strukturierten Muster folgt [...] eröffnet bei genauerer
Betrachtung vielschichtige Deutungsebenen, die vor allem zahlreiche
Reflexionen über die neuzeitliche Realitätsauffassung und den damit
verbundenen Humanitätsbegriff zulassen.“
„Menschlicher als der Mensch“
Zentrales Thema der Werke Philip K. Dicks und auch dieses Films ist die Frage, was den Menschen zum Menschen macht, und die paranoide
Furcht davor, dass es Wesen gibt, die wie Menschen aussehen, aber keine
sind. Laut Buch und Film sind die Replikanten daran zu erkennen, dass
sie nicht das menschliche Vermögen der Empathie
besitzen. Sie werden mit einem Gerät getestet, das emotionale
Reaktionen überprüft. Die Brauchbarkeit dieses
Unterscheidungskriteriums wird im Laufe des Films aber in Frage
gestellt. Es sind die Menschen, die isoliert und gefühllos
wirken, während die Replikanten Emotionen – Furcht, Zuneigung, Hass,
Trauer – zeigen. Obwohl sie als unbarmherzige Mörder eingeführt werden
und auch tatsächlich töten, wirbt der Film für sie um Sympathie
(vergleiche Rezeption der Darstellung Roys durch Rutger Hauer).
Das Motto der Tyrell Corporation lautet „more human than human“,
„menschlicher als der Mensch“, und so verhalten sich die Replikanten
schließlich. Die Andeutung der Möglichkeit, dass Deckard selbst ein
Replikant ist, verwischt die Grenze zwischen Menschen und Replikanten
weiter. Dies wirft ethische Fragen auf:
„Das Thema von „Blade Runner“ ist also die Auseinandersetzung
mit der Frage: Wann ist der Punkt erreicht, wo man eine Existenz achten
muß?“
„Auf diesen Problemkreis konzentriert sich auch der Film: Wenn
[..] Deckard einen echten Androiden in Zeitlupe tötet, inwieweit ist er
als Mensch besser als der Androide? Und warum rettet der angeblich
empfindungslose Replikant Batty schließlich im Angesicht seines
baldigen ‚Todes‘ den Blade Runner Deckard, anstatt ihn zu töten?“
Bioethische Fragen
Der Film hat auf dem Gebiet der genetischen Forschung einige Entwicklungen vorweggenommen. Gentechnisch veränderte Organismen sind heute Realität. Die embryonische Technologie des somatischen Zellkerntransfers von einem spezifischen Genotyp mit Klonen, genauso wie einige der im Film beschriebenen damit zusammenhängenden Probleme (Seneszenz), wurden beim Klonen von Dolly dem Schaf
im Jahre 1996 demonstriert. Über die Zulässigkeit des Klonens von
Menschen wird seit einigen Jahren öffentlich intensiv diskutiert.
In diesen Entwicklungen offenbart sich eine Kluft zwischen
kommerziellen und nicht-kommerziellen Interessen. Wissenschaftliche und
geschäftliche Motive kollidieren mit ethischen und religiösen Bedenken
über die Korrektheit menschlichen Eingreifens in die Natur. Im Film
wird die Partei des Eigennutzes etwa durch den überreichen Konzernchef
Tyrell repräsentiert, der einerseits ein wissenschaftliches Genie ist,
andererseits nur kommerzielle Interessen verfolgt. Die gentechnischen
Probleme, über die Tyrell und Roy ihren Dialog führen, sind dabei real.
Paranoia und Misstrauen, Kontrolle und Macht
Nicht nur die Ungewissheit über die eigene Identität und
Ununterscheidbarkeit von wirklichen und künstlichen Menschen sind
Gegenstand von Paranoia. Das Thema „Misstrauen“ durchzieht den Film wie
ein Leitmotiv. Deckard will von Rachael nicht nur wissen: „Liebst du mich?“, sondern auch: „Vertraust du mir?“. Im bpb-Filmkanon heißt es:
„[D]ie Blicke der Figuren in Blade Runner, die knappen
Dialoge, die Schweigsamkeit des ganzen Films, die Künstlichkeit, die
Dunkelheit [weisen] auf ein totales Misstrauen in die üblichen
Kommunikationsformen hin [...]“
Immer wieder kehren in Blade Runner Situationen wieder, in
denen Personen beobachtet und kontrolliert werden. Die aufdringlichen
Werbetafeln, allgegenwärtige Polizei, Suchlichter und die
überbevölkerte Stadt sind charakteristische Versatzstücke in diesen
paranoiden Szenario. Deckard wird von seinem ehemaligen Vorgesetzten
Bryant zwangsverpflichtet, und sein geheimnisvoller Kollege Gaff
erscheint wie sein Aufseher. Auch die Replikanten werden als
auszubeutende Maschinen dargestellt und zu Sklavenarbeiten gehalten.
Maschinen dienen vor allem der Kontrolle und dem Machterhalt. Über die
Replikanten scheinen die Menschen aber die Macht zu verlieren: die
Geschöpfe sind ihren Schöpfern schließlich in allen Belangen überlegen.
Einige Interpreten sehen die Machtordnung in Frage gestellt oder
bereits verloren:
„Gleichzeitig kommt es aber zu einer Auflehnung gegen die gottgegebene Ordnung“
"In Blade Runner, control is so powerfully and uniformly
deployed that the disciplinary order and rational management of urban
form have long been abandoned."
(Übersetzung: „In Blade Runner ist Kontrolle so stark und
gleichmäßig verteilt, dass die Überwachungsordnung und eine vernünftige
Leitung der Stadtform schon lange aufgegeben worden sind.“)
Sehen und Erinnerung
Das an symbolischen Deutungen reiche Motiv des Auges
erscheint an vielen Stellen des Films, auch der Begriff „Sehen“ kommt
mehrfach vor. Fotografien werden ebenfalls oft gezeigt. Diese Motivik
unterstreicht einerseits das Thema Paranoia und Machtausübung.
Des weiteren zieht der Film in Zweifel, ob man dem, was man sieht,
trauen kann: so sind Rachaels Erinnerungsfotos eine Fälschung. Die
Maschine, mit der Deckard ein gefundenes Foto nach Hinweisen
untersucht, dreht das Motiv solange, bis etwas erscheint, das auf dem
ursprünglichen Bild überhaupt nicht zu sehen war (und der Ausdruck
entspricht nicht dem Bild auf dem Monitor). Die Replikantin Rachael
verfügt über gefälschte Erinnerungen. Die Wahrheit von Erinnerungen
wird aber auch auf andere Weise in Frage gestellt: die Befragung Leons
durch den Blade Runner Holden aus der Eröffnungsszene wird im Film
mehrfach wiederholt, dabei aber jedes Mal mit kleinen Veränderungen.
Schließlich ist in der Befragung Rachaels durch Deckard (im englischen
Original) leise ein Ausschnitt aus einem späteren Dialog zwischen den
beiden zu hören.
Das Thema „Sehen“ und „Erinnerung“ lässt sich mit dem in der
modernen und postmodernen Philosophie verstärkt vertretenen Ansatz
verbinden, nach dem „Wahrheit“ von der Perspektive abhängt oder immer
schon vom Beobachter konstruiert wird.
Technischer Fortschritt, Umweltzerstörung und Verfall
In der fiktiven Zukunft von Blade Runner sind hochentwickelte
technische Geräte allgegenwärtig. Freie Natur ist dagegen überhaupt
nicht zu sehen, die Sonne nur selten und durch Nebel. Zumeist ist die
Szenerie dunkel, regnerisch und dreckig. Tiere sind künstlich
erschaffen. Im Buch erscheint die Umweltzerstörung als Folge eines Atomkriegs; im Film wird dieser Zusammenhang lediglich angedeutet. Die Überbevölkerung der Stadt ist stets präsent:
„Unrast, Hektik und die krampfhafte Suche nach Ablenkung haben
zugenommen, und der [...] Eindruck einer hoffnungslos überbevölkerten
Stadt bleibt stets allgegenwärtig, selbst in Szenen, die leere Räume
zeigen.“
Der Film lässt sich als Dystopie
beschreiben. Die Werbetafeln deuten darauf hin, dass ein schöneres
Leben außerhalb der Erde existiert, während hier nur Kranke, Schwache
und Kriminelle zurückgelassen wurden, die wiederum von skrupellosen
Kapitalisten und der Polizei beherrscht werden:
„[D]ie Herren der Welt [haben] die Erde mehr oder weniger den
Slumbewohnern, Verbrechern und Industriellen überlassen [...] [Der
Film] ist die Vision des Jahrtausends, und zwar eine Endzeitvision.
Er sagt uns, daß wir die Erde und uns selbst ausgelaugt haben und daß
die neue Geschichte sich anderswo abspielt – vielleicht auf anderen
Planeten, wo man sich fröhlichere Geschichten erzählt.“
Nicht nur die Gebäude, auch die Menschen verfallen – etwa J. F.
Sebastian, der an beschleunigter Alterung leidet. Es scheint keine
Kultur, nur „niedrigere“ Formen der Unterhaltung und viel Kriminalität
zu geben. Auch die vielfältig gezeigte Durchmischung von Völkern,
Sprachen, Weltanschauungen – der Film zeigt vor allem ein starkes
Eindringen ostasiatischer Elemente in das amerikanische Leben – wird
vorausgesagt und negativ bewertet. So ist die Stadtsprache, die Gaff zu
Beginn des Films spricht, eine teilweise vom Schauspieler Edward James
Olmos selbst erdachte Mischung aus Koreanisch, Französisch, Ungarisch,
Deutsch und Japanisch. Die Kleinwüchsigen, die Teile von Deckards Auto
stehlen wollen, sprechen im Original Deutsch. Chew, der künstliche
Augen herstellt, spricht eine Mischung aus Chinesisch und Englisch.
Ein weiteres Element des Films ist eine durchscheinende Melancholie und Nostalgie,
die Sehnsucht nach einer besseren Vergangenheit im Konflikt mit dem
Versprechen einer besseren Zukunft. Dieses Gefühl wird vor allem von
der Filmmusik (siehe Musik) transportiert. Auch im Design des Films findet eine Durchmischung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft statt.
Literarische und mythologische Bezüge
An einigen Stellen des Films lassen sich Bezüge sowohl zu biblischen als auch zu anderen Mythen finden. Neben den Augen spielt beispielsweise das Symbol des Einhorns eine wichtige Rolle. Fans des Films haben auf weitere mögliche Symbole aufmerksam gemacht, darunter Gaffs Origami-Figuren, die Tiere – jedem Charakter kann leicht ein Tier zugeordnet werden – oder die Schachkombination, die aus der „Unsterblichen Partie“ stammt (in der deutschen Synchronisation ist die englische Schachnotation fehlerhaft übersetzt). Mit einer Vielzahl von Symbolen ist besonders die Figur Roy verbunden, die sowohl zu dem verlorenen Sohn als auch zu Jesus Christus Bezüge aufweist. Roy wurde von Tyrell erschaffen. Er nennt ihn selbst sowohl Schöpfer („Maker“) als auch Vater („Father“). Dieses Motiv wird jedoch in der Mitte des Films gebrochen. Als Roy erfährt, dass der „Vater“ sein Leben nicht verlängern kann, blendet und tötet er ihn (auch hier scheint das allgenwärtige Augenmotiv durch). Andererseits vergleicht Roy – ein Gedicht von William Blake zitierend – die Replikanten auch mit gefallenen Engeln und sich selbst mit Luzifer.
„Das Verhältnis von Mensch und Replikant ist [...] weniger bestimmt vom Frankenstein-Mythos als von der Bibel.“
Themen wie die Herrschaft des Menschen über die Natur und über die Replikanten führen schließlich auch zum Motiv der Hybris aus dem griechischen Drama. Ein Kritiker sah das „alte Thema vom Zauberlehrling [...] variiert“ und fand:
„Der wahre Reiz des Films liegt denn auch weniger in der [...]
Vision einer verrosteten Zukunftswelt, sondern in der Inszenierung
religiöser Mythen innerhalb der üblichen Detektivgeschichte.“
Romanvorlage und Einflüsse
Der Film basiert auf Philip K. Dicks Roman Träumen Androiden von elektrischen Schafen?, unterscheidet sich aber in vielen Punkten von der Vorlage. Zu einer ausführlicheren Liste siehe Unterschiede zwischen Buch und Film.
Einige Änderungen, auch größere, lassen sich leicht nachvollziehen.
Die Religion des „Mercerismus“, eine surreale Szene in einer von
Replikanten geleiteten Polizeidienststelle oder identisches Aussehen
der Figuren Rachael und Pris hätten erklärt werden müssen und damit den
Film über die Maßen verlängert.
Die Darstellung der Replikanten im Film wird als eine der
wichtigsten Änderungen gegenüber dem Buch angesehen. Dick konzipierte
sie als seelenlose, egoistische Wesen. Während der Film ihnen (schon
durch die Bezeichnung „Replikant“) schließlich Menschlichkeit und
Menschenrechte zugestehen will, wendet das Buch sich am Ende gegen
diese Möglichkeit. Dicks Text konzentriert sich auf die Feststellung,
dass Menschen sich manchmal wie Maschinen verhalten; der Film macht die
umgekehrte Aussage.
Die Frage, was menschlich ist, wird im Buch fast ausschließlich in den
Gedanken Deckards diskutiert. In der ersten Version des Films sollte
dies offenbar durch die Voice-overs Deckards wiedergegeben werden. Im
Director’s Cut vertraute der Regisseur darauf, dass diese Frage schon
hinreichend durch das Handeln der Replikanten aufgeworfen wird,
besonders bei der im Vergleich zum Buch am stärksten aufgewerteten
Figur Roy.
In Rezensionen gibt es sehr unterschiedliche Deutungen und
Bewertungen der Unterschiede zwischen Buch und Film. Auf geringe
Werktreue der Adaption weisen die meisten Rezensenten hin, auch die Drehbuchautoren Fancher und Peoples haben erklärt, sich nur lose an Dicks Buch orientiert zu haben. Es ist aber auch konstatiert worden, dass der Film zumindest die Kernaussagen Dicks korrekt wiedergebe.Schließlich gehen unter denen, die deutliche Unterschiede erkennen, die
Meinungen darüber auseinander: Der bpb-Filmkanon stellt den „Hang zum
globalen Weihespiel“ des Films der „satirische[n], verrückte[n]“
Vorlage gegenüber und sieht im Fehlen des „bittersüßen Sarkasmus“ Dicks
den einzigen Makel des Films. Andere sehen zwar ebenfalls Dicks Satire
durch einen abstrakten Symbolismus ersetzt, halten den Film aber gerade
wegen seiner Änderungen für kraftvoller.
Schließlich ist auch die Position vertreten worden, Buch und Film seien
zwei voneinander unabhängige, bedeutende Werke mit ähnlicher, aber
nicht gleicher Botschaft.
Philip K. Dick selbst war zunächst sehr skeptisch gegenüber dem Film
und kritisierte ihn schon in der Entwurfsphase öffentlich. Nachdem er
einige Sequenzen aus dem Film gesehen hatte, unter anderem auf
Einladung Ridley Scotts, änderte Dick seine Meinung und äußerte sich
enthusiastisch über das Projekt. Nach Aussage Paul Sammons war es vor
allem die veränderte Darstellung der Androiden, die Dick zunächst gegen
den Film eingenommen hatte. Schließlich sei er aber damit einverstanden
gewesen und habe seine Warnung vor menschlicher Arroganz im Film, wenn
auch durch andere Mittel als im Buch, verwirklicht gesehen. Obwohl man
Dick die damals für ihn sehr hohe Summe von 75.000 $ anbot, seinen
Roman neu zu verfassen, so dass er als Buch zum Film verkauft werden
kann, lehnte er ab und widmete seine Energie einem neuen Buch, für
welches er deutlich weniger Geld bekam. Dick starb wenige Monate vor
Erscheinen des Films.
Weitere Einflüsse
Ein Vorbild für das Los Angeles des Films ist offensichtlich Fritz Langs Metropolis. Als weitere filmische Vorläufer sind Was kommen wird, Just Imagine und Alphaville genannt worden. Atmosphäre und Teile der Handlung stehen auch in der Tradition des Film noir, siehe dazu oben unter Visueller Stil. Ridley Scott und Syd Mead haben als weitere Inspirationen für das Design Edward Hoppers bekanntes Gemälde Nighthawks angegeben, zudem das französische Comicmagazin Métal Hurlant bzw. dessen US-amerikanisches Pendant Heavy Metal, hier insbesondere die von Dan O’Bannon verfasste und von Moebius illustrierte Kurzgeschichte The Long Tomorrow.
Entstehungsgeschichte
Hampton Fancher wollte seit 1975 Philip K. Dicks Buch Träumen Androiden von elektrischen Schafen? verfilmen. Sein Freund Brian Kelly konnte Dick 1977 die Rechte für eine Verfilmung abkaufen. Mit einem ersten Drehbuchentwurf von Fancher gewannen sie 1978 den Produzenten Michael Deeley für die Idee. Nach weiteren Drehbuchentwürfen konnte schließlich 1980 Ridley Scott, der gerade mit Alien einen Erfolg gelandet hatte, als Regisseur verpflichtet werden. In der Folgezeit arbeiteten Fancher und Scott an weiteren Entwürfen.
Den Titel Blade Runner entlieh der Film dem Titel des Buches The Bladerunner von Alan Nourse, das 1979 von William S. Burroughs in einen Filmentwurf umgearbeitet worden war, sonst aber keine Ähnlichkeit mit dem späteren Film hat - dort bezeichnet Blade Runner (Klingenläufer) noch Schwarzhändler für medizinische Produkte. Scott und Fancher gefiel der Titel, und sie kauften ihn Nourse und Burroughs ab. Frühere geplante Titel waren Android und Dangerous Days (Gefährliche Tage).
Nachdem sie sich über einige Punkte nicht einigen konnten, engagierte Scott David Peoples für eine weitere Umarbeitung des Drehbuchs. Schließlich fügte Scott aus mehreren früheren Entwürfen das endgültige Drehbuch zusammen.
Die Dreharbeiten begannen am 9. März 1981 in Los Angeles und Filmstudios in Burbank. Die Arbeiten wurden durch Spannungen zwischen Regisseur, Schauspielern und Filmcrew sowie durch finanzielle Probleme belastet. Die lange Produktionszeit und damit einhergehende hohe Kosten wurden Scott angelastet. [26] Nachdem die ursprüngliche Produktionsfirma Filmways abgesprungen war, konnte Produzent Deeley von der Ladd Company, dem Hongkonger Produzenten Sir Run Run Shaw und Tandem Productions das nötige Geld bekommen. Als die Produktionskosten schließlich mit 28 Millionen Dollar das geplante Budget überschritten, fielen die Rechte an dem Film durch eine Vertragsklausel alleine an Tandem Productions, bestehend aus Bud Yorkin und dem Medienmogul Jerry Perenchio. Diese rechtliche Lage erschwerte später das Zustandekommen des 1992er Director’s Cut und des neuen Director’s Cut ab 2000.
Rohfassungen des Films („Workprints“) stießen in Testvorführungen Anfang März 1982 auf Kritik des Publikums. Die Geldgeber verlangten daraufhin Änderungen an dem Film. So wurden, zum Missfallen des Regisseurs, eine Reihe von Voice-over-Kommentaren (geschrieben von Roland Kibbee) sowie ein Happy End hinzugefügt. Für Letzteres wurde unbenutztes Filmmaterial aus Shining (Luftaufnahmen von Wäldern, vergleiche den Anfang von Shining) benutzt. [26] Die Voice-overs enthalten Hintergrundinformationen, welche die Filmhandlung verständlicher und stringenter machen sollten.
Kultstatus, Director’s Cut und neue Fassung 2007
Der Film war ein kommerzieller Fehlschlag, fand aber bald eine treue Fangemeinde. Bereits Ende 1982 erschien das erste Blade Runner-Fanzine. Die verschiedenen Video- und Laserdisc-Fassungen, die im Laufe der 1980er erschienen, erwiesen sich als sehr erfolgreich: Der Film wurde zu einem der am meisten verliehenen und verkauften Filme auf dem Videomarkt. Auch erschienen immer wieder neue Besprechungen, auch akademische Veröffentlichungen über Blade Runner, der so den Status eines Kultfilms gewann.
Der Filmrestaurator Michael Arick fand 1989 zufällig eine der Workprint-Fassungen. Sie wurde 1990 und 1991 zunächst bei Filmfestivals gezeigt und lief ab September 1991 in einigen Kinos, wo sie unerwartet großen Zulauf erhielt. Warner Bros. rechnete bei einer US-weiten Neuaufführung mit großem, auch kommerziellem Erfolg, und gab daraufhin einen so genannten Director’s Cut in Auftrag, der von Arick in Absprache mit Ridley Scott erstellt wurde. Scott bestreitet aber, dass es sich bei diesem Director’s Cut – der aufgrund von verschiedenen Missverständnissen und Interessenkonflikten in großer Eile und mit einigen technischen Mängeln realisiert wurde – um seine endgültige Fassung handelt, obwohl sie seiner Vision „näher kommt“.[28]
Diese Fassung des Films verzichtet auf alle Voice-over-Kommentare und hat ein offenes Ende. Als weitere wichtige Änderung enthält sie eine zusätzliche Szene, die darauf schließen lässt, dass Deckard selbst ein Replikant sein könnte. Damit verzichtet sie noch stärker als die Kinoversion auf Deckard als Identifikationsfigur. Sie gilt als düsterer und erfordert zum Verständnis noch mehr Aufmerksamkeit. Der Director’s Cut stieß auch bei den Kritikern auf Zustimmung (siehe unten). Er kam ab 1992 (Deutschland: 22. April 1993) weltweit in die Kinos und erschien bald danach auf Videokassette sowie – in den USA bereits im März 1997 und damit als einer der ersten Filme überhaupt – auf DVD.
Da die DVD nicht in optimaler Qualität hergestellt wurde und seit längerer Zeit nicht mehr erhältlich war, wollte Warner 2001 ein stark erweitertes DVD-Set mit vielen Extras und einem neuen, „echten“ Director’s Cut nach den Vorstellungen Scotts zu heutigen Bild- und Tonstandards herausbringen; Dies kam aber nicht zustande. Nach einer kürzlich erschienenen Ankündigung[29] soll Warner nun die Schwierigkeiten beseitigt haben. Demnach erscheint Blade Runner Anfang 2007 als „25th Anniversary Edition“ in den USA. Ein zusätzlich erscheinendes DVD-Set soll vier Filmversionen enthalten: die 1982er US-Version, die 1982er internationale Version, den 1992er Director’s Cut und einen neuen 2007er Final Cut, an dem Ridley Scott seit dem Jahr 2000 gearbeitet haben soll.
In Deutschland liegen die Fernsehrechte an der Originalversion offenbar bei der ProSiebenSat.1 Media AG, die diese Fassung in den 1990er und 2000ern auf den Sendern Sat.1, ProSieben und Kabel 1 ausstrahlte, teilweise in noch einmal geschnittener Version. Der Director’s Cut ist mehrfach im Pay-TV (zunächst DF1, dann Premiere) gezeigt worden. In Deutschland erschien der Director’s Cut mit minimaler Ausstattung im September 1999 auf DVD. Eine als „Special Edition“ vertriebene Box enthielt neben dieser DVD einige Bilder aus dem Film, ein Drehbuch und ein Filmplakat. Die ’99er Veröffentlichung wurde nur in geringer Stückzahl produziert. Der Director’s Cut wurde digital restauriert und im November/ Dezember 2006 neu veröffentlicht. Die Restauration brachte auch einige Dialogänderungen in der deutschen Synchronisation mit sich, die die poetischen Elemente des englischen Originals einfacher, jedoch auch karger erscheinen lassen.
Medienreaktion (Künstlerische Rezeption)
Umsatz
Der Film lief in den USA am 25. Juni 1982 in 1.295 Kinos an. Mit etwas über 26 Millionen Dollar spielte er zumindest in den USA nicht einmal die Produktionskosten wieder ein. Begünstigt wurde das schlechte Abschneiden von der Tatsache, dass gleichzeitig E.T. – Der Außerirdische in die Kinos kam und den Markt für Science-Fiction-Filme für Monate besetzt hielt. In der Bundesrepublik Deutschland startete Blade Runner am 14. Oktober 1982 und fand ungefähr eine Million Besucher.
Kritiken
Beim ersten Erscheinen 1982 war die Reaktion der Kritiker gemischt.
Einerseits wurde der Film als ambitioniert gelobt. Durchweg hohe
Anerkennung fanden das Szenenbild, nach den Entwürfen Scotts und Syd Meads realisiert von Lawrence G. Paull, und die Spezialeffekte, für die der Oscar-Preisträger Douglas Trumbull verantwortlich war. Weiteres Lob gab es für Vangelis’ Musik
Wiederholt kritisiert wurde dagegen, dass die Entwicklung des Plots und
der Charaktere hinter der formalen Gestaltung zurückbleiben:
„Überwältigt von den großartigen Sets und den auffallenden
Bildern, ist die dünne Handlung [...] streckenweise davon bedroht, ganz
zu verschwinden“
Einige Kritiker hielten den Film für zu lang, auch für langweilig. Bekannte Rezensenten, die den Film für misslungen hielten, waren beispielsweise Pauline Kael und Roger Ebert. Der film-dienst lobte dagegen die „Ruhe und Stilisierung über weite Strecken des Films“ ebenso wie die „brillanten Szenerien des Verfalls“, kritisierte aber die Vernachlässigung von Handlungsführung und Charakterzeichnung.
Über die Voice-over-Kommentare gab es unterschiedliche Ansichten, das
Happy End wurde von den meisten Kritikern als aufgesetzt und unpassend
empfunden. So schrieb Der Spiegel, das „kitschige Happy End“ sei eine „falsch verstandene Konzession an die Riten des Kinos“, und ein britischer Kritiker urteilte über das Ende sogar:
"[T]he hero's voice-over and the ending feel as if they've strayed in from another movie"
(Übersetzung: „Das Voice-over des Helden und das Ende wirken, als hätten sie sich aus einem anderen Film hierher verirrt.“)
Viele Rezensenten wiesen auf die stilistischen Bezüge auf den Film noir hin, insbesondere erkannten „die Filmkritiker [in Deckard] scharenweise den Philip Marlowe des 21. Jahrhunderts“
Hellmuth Karasek bezeichnete den Film als „düstere Replik auf den Weltraumoptimismus von E.T.“, lobte „sein eindrucksvolles alptraumhaftes Zukunftsdesign“ und sah im Film durch dessen „überraschende, tiefsinnige Seiten“ einen weit überdurchschnittlichen Science-Fiction-Film.
Von den mit Ausnahme Harrison Fords 1982 recht unbekannten
Darstellern ist insbesondere Rutger Hauer gelobt worden, der es
schaffe, beim Zuschauer Sympathie für eine Kampfmaschine zu wecken:
„[...] Hauer [reißt] den Film mit seiner seltsam bewegenden
Rolle eines abtrünnigen arischen Replikanten, der blind für mehr Zeit
kämpft, an sich“
„Ein weiterer Grund, warum der Film seine Zuschauer dermaßen
packte, ist die Darstellung des Roy von Rutger Hauer [...] [A]m Ende
des Films bereuen wir unseren Irrtum. Wir können Roys Handlungen
verstehen [...] Als Roy dann stirbt, leiden wir mit ihm.“
Auch Sean Young und Harrison Ford fanden bei der Mehrzahl der
Kritiker Anerkennung. Teile des Publikums waren 1982 offenbar dadurch
irritiert, dass Fords Rolle nicht den durch Star Wars und Indiana Jones
geweckten Erwartungen entsprach. Dass die Figur Deckard kein Held und
keine Identifikationsfigur für das Publikum ist, wurde von Kritikern an
beiden Versionen des Films bemängelt.
Der Director’s Cut von 1992 wurde anders als die erste Fassung überwiegend gelobt, die Änderungen wurden begrüßt:
"In its earlier incarnation, the film was a flawed masterpiece; in Scott's restored version, it is, quite simply, a masterpiece."
(Übersetzung: „In seiner früheren Fassung war der Film ein
Meisterwerk mit einigen Makeln; in Scotts restaurierter Fassung ist er
schlicht ein Meisterwerk.“)
„[D]er Director’s Cut erweist sich nicht nur als die filmisch bessere Version, sondern auch als die einzig logische.“
Die hohe Anerkennung für den Director’s Cut ist dennoch erstaunlich,
weil zumindest einige früher kritisierte Punkte dort nicht wesentlich
verändert wurden. Offenbar sahen die Kritiker sie nicht mehr als so
schwerwiegend an wie 10 Jahre zuvor; einige gaben auch zu, ihre Meinung
geändert zu haben.
Einige blieben jedoch bei ihrer Kritik und verwiesen auf Elemente des
Films, die sie immer noch oder ohne die Voice-overs noch mehr als
verwirrend oder sinnlos empfanden. Es ist auf die polarisierende
Wirkung des Films beim Publikum hingewiesen worden: viele fänden ihn
sehr gut, viele aber auch sehr schlecht.
Spätestens seit Mitte der 1990er taucht der Film in vielen der
populären Listen bester Filme (aus einem Genre, Jahrzehnt oder
überhaupt) auf. Dabei ist er in Publikumsbefragungen meist noch besser platziert als bei Befragungen von professionellen Filmkritikern.
Auszeichnungen
Der Film erhielt unter anderem die folgenden Auszeichnungen:
1982: Los Angeles Film Critics Association Award – Jordan Cronenweth (Bester Kameramann)
1983: 3 BAFTA Awards
– Jordan Cronenweth (Bester Kameramann), Charles Knode und Michael
Kaplan (Beste Kostümausstattung), Lawrence G. Paull (Bestes
Szenenbild); 5 weitere Nominierungen
1983: Hugo Award für das beste Drehbuch (Best Dramatic Presentation)
1983: London Critics Circle Film Award – Sonderpreis für das visuelle Design an Lawrence G. Paull, Douglas Trumbull und Syd Mead
1993: Aufnahme in das National Film Registry
Daneben gab es zwei Nominierungen für den Oscar (Bestes Szenenbild und Beste visuelle Effekte) und eine Golden-Globe-Nominierung für die Musik von Vangelis. In vier Kategorien war Blade Runner für den Saturn Award nominiert, nämlich Bester Science-Fiction-Film, Beste Regie, Beste Spezialeffekte und Bester Nebendarsteller (Rutger Hauer); eine weitere Nominierung für den Saturn Award erhielt 1994 der Director’s Cut als Beste Veröffentlichung auf Video. Die Originalversion wurde 1983, der Director’s Cut 1993 beim Fantasporto Film Festival als Bester Film vorgeschlagen, Jordan Cronenweth erhielt 1982 eine Nominierung für die Beste Kameraführung von der British Society of Cinematographers.
2003 erstellte die Bundeszentrale für politische Bildung in Zusammenarbeit mit zahlreichen Filmschaffenden einen Filmkanon für die Arbeit an Schulen und nahm diesen Film in ihre Liste auf.
Fortsetzungen, Spin-offs und Nachfolger
Bücher
K. W. Jeter,
ein Freund von Philip K. Dick, hat bisher drei Fortsetzungen
geschrieben. Die Rechteinhaber des Films erlaubten ihm, den Titel Blade Runner zu benutzen. Die Bücher tragen im Original die Titel:
Blade Runner 2: The Edge of Human (erschienen 1995)
Blade Runner 3: Replicant Night (1996)
Blade Runner 4: Eye and Talon (2000)
Jeters Bücher sollen dabei eine Fortsetzung sowohl zu Dicks Roman Träumen Androiden von elektrischen Schafen? als auch zum Film sein, was aufgrund der deutlichen Unterschiede zwischen diesen beiden schwierig ist.
Auf Deutsch sind bisher die Bücher 2 und 3 zusammen unter dem Titel Blade Runner: Die Rückkehr erschienen.
Film
Der 1998 erschienene Film Star Force Soldier spielt nach Aussagen von Regisseur Paul W. S. Anderson und Drehbuchautor David Peoples in derselben fiktiven Welt wie Blade Runner. Peoples, der Coautor des Blade Runner-Drehbuchs war, baute einige Bezüge dazu ins Drehbuch von Soldier ein.
Computerspiel
Hauptartikel: Blade Runner (Computerspiel)
1997 veröffentlichte die Spielefirma Westwood Studios
das offizielle PC-Spiel „Blade Runner“. Die Handlung findet in etwa
zeitgleich zum Film statt. Der Spieler übernimmt die Rolle des Blade
Runners Ray McCoy und entscheidet, ob er einer Gruppe von Replikanten
um ihren Anführer Clovis hilft oder diese „aus dem Verkehr zieht“. Je
nachdem, wie er sich entscheidet und wer vom Computer zu Beginn als
Replikant festgelegt wurde, gibt es zwölf unterschiedliche
Endsequenzen, wobei das Gameplay aber dennoch recht linear ist. Mehrere
Nebendarsteller des Films sprechen auch im Spiel ihre Rollen.
Indirekter Einfluss: Cyberpunk und anderes
Der Film gilt als atmosphärisch und visuell prägend für die später, ebenfalls in den 1980er Jahren, entstandene Literaturrichtung Cyberpunk. William Gibson hat erklärt, dass er seinen einflussreichen Roman Neuromancer schon begonnen hatte, als er Blade Runner sah. Auch ihn hatten die Heavy Metal-Comics inspiriert. [39] Bis heute ist der von Scott und Mead konzipierte Look des Films Vorbild für viele phantastische Werke. Oft genannt werden hier etwa die Filme Brazil, Terminator, Batman, RoboCop, Das fünfte Element, Strange Days und Matrix sowie die Fernsehserien Max Headroom und Total Recall 2070. Auch eine Reihe von Animes – etwa Bubblegum Crisis, Cowboy Bebop und Silent Möbius – und Computerspielen – etwa Snatcher – im Umfeld des Cyberpunk-Genres ist von Blade Runner beeinflusst. Als direktes Remake kann die südkoreanische Produktion Natural City von Min Byung-chun aus dem Jahr 2003 gelten. Dieser Film greift nicht nur die Optik von Blade Runner auf, sondern übernimmt auch zum Großteil den Handlungsverlauf.
Das Thema der „Menschlichkeit“ von Robotern/Androiden bzw. der Unterscheidbarkeit zwischen Menschen und Humanoiden wird in vielen weiteren Filmen aufgegriffen, wie z. B. Aliens, A.I. – Künstliche Intelligenz, I, Robot und Der 200 Jahre Mann.
Blade Runner machte Philip K. Dick postum in Hollywood bekannt. Später gedrehte Filme, die Geschichten Dicks als Vorlage haben, sind etwa Die totale Erinnerung – Total Recall, Screamers, Minority Report, Paycheck und zuletzt A Scanner Darkly.
Es gibt viele weitere Werke vor allem der Popkultur, die auf den Film Bezug nehmen. Darunter sind etwa Stücke der Gruppen Audioslave, White Zombie und des Sängers Gary Numan. Das Video zu Tonight, Tonight, Tonight von Genesis ist den Szenen im Bradbury Building nachempfunden und wurde auch dort gedreht.
Auf dem Cover ihres 1986 erschienen Albums Somewhere in Time nahm auch die englische Heavy-Metal-Band Iron Maiden Anleihen bei Blade Runner, der sogar namentlich genannt wird.
In Ihrem Song "Time what is time" vom 1992er Album "Somewhere Far Beyond" greift die deutsche Heavy-Metal-Band Blind Guardian das Thema auf.
Verweise
Quellen
Interview mit dem Schauspieler Morgan Paull bei bladezone.com, vergleiche auch Sammon S. 220
B. Sherris in der Zeitschrift Videofax, Frühjahr 1988, S. 43, und H. Lightman / R. Patterson in der Zeitschrift American Cinematographer, Juli 1982, S. 720-725; nach Kerman S. 171
M. C. Boyer: Cybercities, New York 1996, ISBN 1-56898-048-5, S. 112ff.; R. Scott: Interviews, Jackson 2005, ISBN 1-57806-726-X, S. 50f.
↑ Will, S. 377
A. Stiller: The Music in Blade Runner in: Kerman, S. 196-201
P. Strick in: International Dictionary of Films and Filmmakers, Band 1, 2. Auflage 1990, ISBN 1-55862-037-0, S. 114f.
Will, S. 378
↑ R. Steiner: Das Lexikon der Kultfilme, Berlin 1999, ISBN 3-89602-216-4, S. 33 und 34
↑ R. Hahn / V. Jansen: Die 100 besten Kultfilme, 7. Auflage, München 1998, ISBN 3-453-86073-X, S. 49 und 50
A. Holighaus: Der Filmkanon, Berlin 2005, ISBN 3-86505-160-X, S. 210
↑ S. Krauss in: Metzler Film-Lexikon, 2. Auflage, Stuttgart 2005, ISBN 3-476-02068-1, S. 79
M. C. Boyer, a.a.O.
N. Wheale: Recognizing a ’human-Thing’ in: ders.: The Postmodern Arts: An Introductory Reader, London 1995, ISBN 0-415-07776-1, S. 101-117
Science Fiction Times, zit. nach R. Hahn / V. Jansen: Heyne Lexikon des Science-Fiction-Films, München 1993, ISBN 3-453-06318-X, S. 100
J. Clute: SF - Die illustrierte Enzyklopädie, München 1996, ISBN 3-453-11512-0, S. 289
↑ W. Limmer: Böse neue Welt in: Der Spiegel Nr. 43/1982, S. 286
M. Casey: Do Androids Dream of Bladerunning?, S. 24f.
↑ J.J. Oleniacz: How & Why the Movie is Different
↑ P. Meaney: Alienations in a Dystopia
so Hardy, Strick und Will
M. Casey, a.a.O., S. 18 und 25
so Hahn/Jansen, Casey, Norman Spinrad im Magazin Starlog (November 1982)
zu Dicks wechselnden Ansichten zum Film siehe Sammon, S. 282-286 und passim; G. Rickman: Philip K. Dick on Blade Runner: "They Did Sight Stimulation On My Brain" in: Kerman, S. 103-109; Interview mit Sammon bei brmovie.com; Brief von Dick an die Ladd Company, 11.10.1981
S. Bukatman: Blade Runner, S. 84f.; D. Desser:Race, Space and Class in: Kerman, S. 110-124
Sammon, S. 74
↑ B. Duke: Harrison Ford: The Films, Jefferson 2005, ISBN 0-7864-2016-2, S. 97f.
Sammon, S. 321-330
W. Kolb: Reconstructing the Director’s Cut in: Kerman, S. 294-302; Sammon, S. 330-368
Meldung von Reuters, 30. Mai 2006
Zitate aus Besprechungen des Soundtracks
↑ P. Hardy: Die Science Fiction Filmenzyklopädie, Königswinter 1998, ISBN 3-89365-601-4, S. 385.
als Beispiel Chris Hicks, weitere Beispiele werden hier zitiert
J. Schnelle in film-dienst, Oktober 1982
David Pirie in: Time Out Film Guide, London 2000, ISBN 0-140-28365-X
H. Karasek: Mein Kino, München 1999, ISBN 3-453-14853-3, S. 479ff.
Nigel Floyd in: Time Out Film Guide, a.a.O.
So etwa Siskel&Ebert laut IMDb Trivia for Blade Runner.
Zusammenstellung einiger Platzierungen unter http://www.brmovie.com/BR_Views.htm
Interview mit Gibson in der Zeitschrift Details, Oktober 1992, zitiert nach Blade Runner FAQ: Did Blade Runner influence cyberpunk?
Literatur
Philip K. Dick: Blade Runner. 2002, ISBN 3-453-21728-4 (siehe Träumen Androiden von elektrischen Schafen?)
Johannes F. Sievert: Theoretische und filmanalytische Aspekte in Ridley Scotts Blade Runner. 2000, ISBN 3-930-25872-2
Sekundärliteratur:
Scott Bukatman: Blade Runner (BFI Modern Classics). British Film Institute, London 1997, ISBN 0-85170-623-1
Judith B. Kerman (Hrsg.): Retrofitting Blade Runner. University of Wisconsin Press, 2. Auflage Madison 1997, ISBN 0-87972-510-9. (Etwa 20 Aufsätze über den Film und Dicks Buch, enthält auch eine kommentierte Bibliographie.)
Paul M. Sammon: Future Noir – The Making of Blade Runner. Orion Media, London 1996, ISBN 0-75280-740-4.
(Der Filmjournalist Sammon beobachtete schon die Dreharbeiten, stellte
für dieses Buch weitere Recherchen an und interviewte viele Beteiligte.
Das Buch gilt in Fankreisen als die „Blade Runner-Bibel“, ist aber
nicht völlig fehlerfrei.)
Frank Schnelle: Ridley Scott’s Blade Runner. Wiedleroither, Stuttgart 1997, ISBN 3-923990-06-5
Fabienne Will: Der Blade Runner in: Thomas Koebner (Hrsg.): Filmgenres: Science Fiction. Reclam, Stuttgart 2003, ISBN 3-15-018401-0,
S. 376-387. (Kurzer Essay, der fast alle wichtigen Themen aus dem Film
anschneidet und in größere philosophische Zusammenhänge einordnet.
Konzentriert sich auf die Originalversion und zieht insbesondere die
Voice-over-Kommentare heran; kleinere sachliche Fehler.)
Ausführliche Verzeichnisse von internationalen Kritiken und weiterer Literatur finden sich auch unten unter Weblinks sowie in:
Metzler Film-Lexikon. Metzler, 2. Auflage Stuttgart 2005, ISBN 3-476-02068-1, Seite 79 und
International Dictionary of Films and Filmmakers. Volume 1: Films. St. James Press, 2. Auflage Chicago 1990, ISBN 1-55862-037-0, S. 113f.